Abstract
Hier oben ist es ruhig, mal ist eine unverständliche Stimme, mal ein anschwellendes Zwitschern von weit unten zu vernehmen. Dann wieder Ruhe. Das vertraute wiederkehrende Summen meines Zimmergenossen, des Boilers, ist wiederum ganz nah. Nicht zu laut, aber auch nicht zu überhören. Etwa einen Fünftel des Zimmers nimmt er in Anspruch und bricht durch seine Rundung die dreieckige Form des Raumes. Spielerisch steht er so da, bildet Nischen, in welchen es sich gut verstecken lässt. Ein grosser Zylinder, selbst verdeckt, hinter einem hölzernen Paravent. Diese flexible, abgeschrägte Lattenwand will sich anlehnen, einfügen möglichst integrieren im Raum mit den Dachschrägen. Doch die Linien verlaufen nicht parallel. Diese Unvollkommenheit bewegt und regt eine stetige Suche nach der Harmonie im Raum an.
Schwingend fügt sich im Sommer zum Summen und Surren noch das Flimmern der heissen Luft hinzu. An manchen Tagen steht sie dick und schwer, verstärkt durch die süsslich duftende Feuchtigkeit der Wäsche von nebenan. Dann lässt sich auf dem Linoleum auch auf Zehenspitzen kein helles Tappen verhindern. Barfuss ist der Boden fast klebrig. Im Winter ist es nur unter der Decke warm, geborgen in der Nische der Dachschräge, wie in einer kleinen Höhle. Aus dieser Perspektive eröffnet sich ein weiter Ausblick in den Himmel und in die helle Raumhöhe. Luftig, klar und weiss. Die Raumstrukturen sind eingerahmt in warmes, massives Holz. Die direkten Sonnenstrahlen, die durchs blaue Rechteck scheinen, wecken Neugier und Lust auf Draussen und den neuen Tag. Manchmal ein gleichmässiges Bimmeln und die immer wiederkehrende Erinnerung des Kirchturms an den Lauf der Zeit. Himmelblau, Wolken oder Regen, sonst gibt es nichts zu sehen von der Aussenwelt. Wenn die Neugier zu gross wird, das Bedürfnis nach Erweiterung des Raumes, lassen sich zwei Stühle aufeinander stellen. Wie wunderbar erfrischend und beruhigend den Überblick zu haben, die Aussicht über die Dächer. Sich nähernde Schritte, das Schwingen des Metallgeländers und das Knarren der Holzstufen kündigen Besuch an. Ich löse mich vom erhaschten Weitblick und baue den Stuhlturm ab.